Modernes vs. Ursprüngliches Reiki: Der wahre Ursprung von Usui Reiki
Das, was wir hierzulande als “klassisches Reiki” bezeichnen, entspricht nicht dem, was Usui ursprünglich beabsichtigt hat. Denn im Zuge der Verwestlichung wurden einige Inhalte gekürzt, vereinfacht oder weggelassen. Hier findest du eine Gegenüberstellung des modernen und ursprünglichen Reiki.

Das ursprüngliche Reiki und seine Entwicklung
Es gibt viele Geschichten und Legenden, die das Leben von Usui und die Entdeckung von Usui Reiki bildhaft beschreiben, doch nur wenige davon sind historisch belegbar. Das liegt daran, dass Usui nie ein offizielles Lehrbuch oder ein schriftlich fixiertes „System“ hinterließ, da seine Lehre mündlich und erfahrungsbasiert war.
Das Usui Reiki Ryōhō Hikkei (Gakkai-Handbuch) ist die älteste erhaltene schriftliche Zusammenstellung der Lehre, das allerdings nicht von Usui selbst stammt. Dieses Hikkei wurde jahrzehntelang geheim gehalten. Neben Beschreibungen von Behandlungsmethoden (z. B. Byōsen-Reikan-hō, Ketsueki-Kōkan-hō) und geistigen Ratschlägen und Anleitungen zur täglichen Praxis, konnten aus vereinzelten Auszügen und Kopien in den 1990-er Jahren einige interessante Details zum Leben und Wirken von Usui herausgelesen werden.
Dr. Mikao Usui wurde am 15. August 1865 in Japan geboren. In einem buddhistischen Tempel bei Kyoto studierte er eine japanische Variante des Qi Gong. Um sein Wissen zu erweitern, reiste er durch ganz Japan, China und Europa und studierte dabei unter anderem Medizin, Psychologie, Religion und spirituelle Entwicklung.
Usui war mehrere Jahre als erfolgreicher und kaisertreuer Geschäftsmann in Japan tätig, bis er sich 1914 entschloß, buddhistischer Mönch zu werden. Laut der Inschrift, die sein Grab in Tokyo schmückt, meditierte er im März 1922 für 21 Tage auf dem Berg Kurama. Am letzten Tag drang ein großes und starkes geistiges Licht in seinen Kopf ein. Dieses Licht war die Reiki-Energie die in Form einer Einstimmung vom Universum zu ihm kam. Diese Information ist historisch belegt.

Mikao Usui und sein Dojo
Nachdem Mikao Usui die göttliche Einweisung durch Licht und Energie erhalten hat, gründete er 1922 in Tokio ein Dojo, das als spirituelles Trainingszentrum diente. Er nannte seine Methode ursprünglich „Usui-Do“ (den Weg von Usui) und später „Usui Teate“, was wörtlich „Handauflegen“ bedeutet. Es handelte sich dabei nicht um ein Heilsystem, sondern um einen Weg der Bewusstseinsentfaltung und spirituellen Erleuchtung (Satori). Heilung war eine natürliche Folge innerer Harmonie, nicht das Ziel.
In seinem Dojo lehrte er eine Praxis, die auf der Verbindung mit dem universellen Bewusstsein („Rei“) beruhte und in der das persönliche Lebensprinzip („Ki“) harmonisiert wurde. Die zentrale Absicht war die Entfaltung des eigenen Bewusstseins, nicht primär das Heilen anderer. Seine Methode wurde zu Beginn nur im Kreise der Studierenden und nicht an Dritte eingesetzt.
Er selbst unterrichtete nicht in großen Klassen, sondern begleitete seine Schüler individuell. Seine Schüler berichteten, dass er oft still beobachtete, während erfahrene Schüler den Unterricht führten. Usui verstand sich eher als spiritueller Wegweiser und nicht als technischer Lehrer.
Usui starb 1926 an den folgen eines Schlaganfalls. Noch vor seinem Tode bestimmte Usui selbst seinen Nachfolger. Es war aber nicht Herr C. Hayashi, der später einen prägenden Einfluss auf die westliche Entwicklung von Reiki haben sollte, sondern ein Freund und enger Mitarbeiter namens Ushida.

Die Entwicklung von Reiki nach 1926
Nach seinem Tod im Jahr 1926 wurde für Usui am Saihō-ji-Tempel in Tokio ein großer Gedenkstein errichtet. Die Inschrift wurde von Admiral Juzaburō Ushida verfasst, also jene Person, die zu seinem Nachfolger ernannt wurde, und gilt bis heute als eine der wichtigsten Primärquellen zum Verständnis von Usuis Lehre. Dort heißt es:
„Im April des 11. Jahres der Taishō-Zeit (1922) zog er nach Harajuku, Aoyama, Tokio, und gründete dort eine Lernvereinigung – die Gakkai –, um Reiki Ryōhō zu lehren. Er lehrte viele Menschen den Weg, Körper und Geist zu heilen, und viele, die von seiner Lehre berührt wurden, folgten ihm.“
Dieser Text belegt, dass Usui ein Dojo gründete, in dem er Reiki Ryōhō lehrte. Die Usui Reiki Ryōhō Gakkai entstand jedoch erst nach seinem Tod.
Von Usui-Do zur Usui Reiki Ryōhō Gakkai
Nach Usuis Tod 1926 organisierten seine Schüler, vor allem Admiral Ushida und Kan’ichi Taketomi, die Lehre neu und gründeten die Usui Reiki Ryōhō Gakkai als formale Gesellschaft. Dabei wurde der ursprünglich spirituelle Weg in ein strukturiertes Ausbildungssystem überführt.
Der Schwerpunkt verschob sich von Meditation und Bewusstseinsarbeit hin zur praktischen Heilkunst. Viele spirituelle Übungen wie Gasshō, Hatsurei-hō oder die Arbeit mit Kotodama, wurden stark vereinfacht oder weggelassen.

Die ursprünglichen Reiki Grade (Gata) und deren Inhalte
Vor der Gakkai-Zeit gab es keine klaren „Grade“, so wie wir sie heute als 1., 2. und 3. Grad kennen. Stattdessen sprach man von Gata (型), das bedeutet „Form“, „Stufe“ oder „Modul“. Die alten Gata-Stufen waren weniger „Kurse“, zu denen man sich anmelden konnte, sondern eher Reifestufen des Bewusstseins.
1. Shoden-Gata – Erste Lehre
Entspricht dem heutigen 1. Reiki-Grad.
Ziel & Inhalte: Grundlagen, Gokai, Selbstheilung, Erspüren von Energie & Hara-Stärkung
2. Nidan-Gata – Zweite Lehre
Entspricht ungefähr dem heutigen 2. Grad, war aber umfassender.
Ziel & Inhalte: Energetische Diagnosetechniken (Byōsen), Reiji, energetische Wahrnehmung
3. Okuden-Gata – Tiefe Lehre
Bestand aus zwei Teilen: Okuden Zenki (vorderer Teil) & Okuden Kōki (hinterer Teil).
Ziel & Inhalte: Mentalheilung, spirituelle Schulung, Verbindung mit dem „Großen Licht“
4. Kaiden-Gata – Vollständige Übertragung
Entspricht dem, was man später „Meistergrad“ nannte, jedoch mit tieferem spirituellen Fokus.
Ziel & Inhalte: Spirituelle Meisterschaft, innere Erleuchtung, Einheit mit Reiki
Kaiden-Gata war keine automatische Lehrerlaubnis, sondern eine spirituelle Einweihung in die Essenz der Linie. In der Usui Reiki Ryōhō Gakkai gab es nur einen autorisierten Lehrer (Shihan) pro Filiale bzw. Region. Diese Struktur sicherte die Reinheit der Lehre.
In der Gakkai wurde dieses System später zu einem dreistufigen Lehrmodell umgeformt und die spirituelle Tiefe zugunsten einer praktischen Heilstruktur reduziert. Nidan-Gata entfiel und die Inhalte flossen zum Teil in Shoden und Okuden ein. Der heutige 2. Grad deckt jedoch nur etwa 40% dessen ab, was früher Nidan war.

Die wahre Essenz von Reiki
Diese optionalen Zusatzmodule begleiten dich parallel zu deinem Reiki-Grad und bringen dir den wahren spirituellen Kern von Reiki nach Mikao Usui nahe.
Spirituelle Ausrichtung des ursprünglichen Reiki
Das ursprüngliche Reiki war kein Heilsystem, sondern ein Pfad zur inneren Freiheit. Seine Essenz:
- Selbstkultivierung – Tägliche Praxis von Gasshō, Hatsurei-hō (Erwecken des spirituellen Lichts), Meditation und Gokai.
- Einheit mit dem Rei – Ziel ist, das persönliche Ki (Lebensimpuls) mit dem universellen Rei in Einklang zu bringen.
- Heilung als Nebenwirkung – Wenn Bewusstsein und Energie im Einklang sind, geschieht Heilung von selbst.
- Erleuchtung als Ziel – Erwachen geschieht, wenn Herz, Geist, Licht und Leere in Einheit sind. Im ursprünglichen Usui-Weg war dies das eigentliche Ziel.
- Weitergabe durch Sein – Reiki wird nicht unterrichtet, sondern durch die eigene Schwingung verkörpert.
Die Verwestlichung von Reiki: Ein Vergleich
Heutzutage geht nahezu jedes moderen Reiki-System auf die Linie Hayashi – Takata zurück. Dr. Chuujirō Hayashi, ein Marinearzt und Schüler Usuis, führte Reiki in eine medizinisch orientierte Richtung. In seinem Hayashi Reiki Kenkyūkai entwickelte er standardisierte Behandlungsabläufe, legte den Fokus auf das Handauflegen und machte Reiki erstmals für Nicht-Eingeweihte zugänglich. Damit verlagerte sich der Schwerpunkt von der spirituellen Schulung zur körperorientierten Heilpraxis.
Hayashis Schülerin Hawayo Takata brachte Reiki in den Westen. Sie nannte es Shinki Ryōhō („Heilmethode durch göttliche Energie“). Takata vereinfachte die Lehre weiter:
- Fokus auf Handauflegen und vier Reiki-Symbole
- Wegfall vieler Übungen und Meditationen
- Reiki wurde zu einer allgemein zugänglichen Heiltechnik
Damit verlor Reiki seinen ursprünglichen Charakter als spiritueller Weg zur Selbstverwirklichung. Dabei ist es genau dieses vereinfachte und stark modernisierte System das, was heutzutage fälschlicherweise als “klassisches Reiki” gesehen wird.
Interessanterweise sind Herr Hayashi und Frau Takata bei den meisten Mitgliedern der japanischen Usui Reiki Ryoho Gakkai, die auch heute noch existiert, so gut wie unbekannt, vom Großmeister oder Nachfolger ganz zu schweigen.
Vergleich: Ursprüngliches Reiki vs. Westliches Reiki
| Bereich | Ursprüngliches Reiki (Usui-Do / Teate) | Westliches Reiki (Shinki Ryōhō) |
|---|---|---|
| Ziel | Erleuchtung (Satori), Selbstverwirklichung, Einheit mit dem Rei | Heilung, Entspannung, Energiearbeit |
| Praxis | Meditation, Gasshō, Reiji, Hatsurei-hō, Byōsen | Handauflegen, Symbole, Mental- und Fernheilung |
| Lehrstruktur | Erfahrungsweg, keine festen Grade | Drei Grade, Kursstruktur |
| Lehrerrolle | Spiritueller Mentor, nur ein Shihan pro Gebiet | Reiki-Master & Teacher, freie Lehrerzahl |
| Symbole | Ursprünglich Kotodama (heilige Silben) | Gezeichnete Symbole im Zentrum |
| Reiju / Einweihung | Regelmäßige spirituelle Erneuerung (einmal wöchentlich) | Einmalige Aktivierung pro Grad |
| Zielbewusstsein | Vereinigung mit dem Großen Licht & Erleuchtung | Gesundheit, Wohlbefinden, Stressabbau |
Das ursprüngliche Reiki war ein spiritueller Schulungsweg. In der Gakkai wurde daraus eine strukturierte Heilmethode und im Westen schließlich eine technische Energiepraxis. Doch in seinem Kern bleibt Reiki ein Weg, der zur inneren Stille, zum Mitgefühl und zur Vereinigung mit dem universellen Bewusstsein führt.
