Spiritueller Narzissmus, spirituelles Ego

Spiritueller Narzissmus und warum er dich im Ego gefangen hält

Spiritueller Narzissmus bedeutet, Menschen danach auswählen, ob sie uns „nützen“, unsere Kriterien erfüllen und ob sie in unser energetisches oder spirituelles Bild passen. Doch kann man wirklich frei sein, wenn man anderen mit „Ich hab’s verstanden – du nicht“ begegnet? Über die Macht und Rolle des spirituellen Ego.

Spiritueller Narzissmus, spirituelles Ego

Von Anpassung zur Eigenverantwortung

Am Anfang unserer spirituellen Entwicklung fühlen wir uns oft ausgegrenzt, allein und verloren. Wir suchen unseren Platz, nach Menschen mit ähnlichen Interessen und ähnlicher Denkweise. Diesen Weg geht man zunächst sehr allein. Man begegnet eigenen Themen, entdeckt alte Rollen und darf sie loslassen. Dieser Prozess ist wichtig, auch wenn diese Phase sehr schmerzhaft sein kann.

Spiritualität und Schattenarbeit bedeuten, alle Rollen, in denen man sich klein gemacht hat, loszulassen und nicht mehr ständig Energie nach außen abzugeben. All die Familiendynamiken zu brechen, in denen man ständig Kraft abgegeben hat oder die Rolle des Angepassten, der stillen Maus oder dem Menschen, der sich alles gefallen ließ, seine Meinung nicht äußerte und nicht in seiner Kraft war, hinter sich zu lassen.

Doch irgendwann kippt etwas: Denn je mehr man in die eigene Kraft kommt, an Selbstwert und Selbstliebe arbeitet, desto mehr erkennt man, dass diese Abhängigkeit von anderen gar nicht nötig ist. Zu lang wurden Entscheidungen von anderen getroffen oder so lange schlechtgeredet, bis man lieber aufhörte, auf sich selbst zu hören. Und so passiert es, dass man plötzlich nur noch in Gesellschaft sein kann, in der man sich nicht rechtfertigen muss und in der man sich wohlfühlt. Alles andere – wo man sich noch klein fühlt, nicht gehört oder respektiert – meidet man.

Zunächst einmal ist das völlig neutral. Auch ich verbringe nicht gerne Zeit mit Menschen, die alles schlechtreden, was ich tue, oder dauerhaft negativ sind. Doch genau hier beginnt der Punkt, an dem ich mir die Frage stelle, ob sich hier nicht ein weiteres Programm einschleicht: Dass man sich im Namen der eigenen spirituellen Entwicklung innerlich über andere stellt. Dass man urteilt und sagt: Mit dir verbringe ich keine Zeit mehr. Du bringst mich nicht weiter.

spiritueller Narzissmus

Urteilen, Bewerten und Abgrenzen

Urteilen beginnt viel früher, als wir glauben. Nicht erst, wenn wir jemanden beschimpfen oder konfrontieren, sondern schon dann, wenn wir denken: Die Person wird mich sowieso nicht verstehen. Ich spare mir die Energie. Gedanken, die völlig normal sind und die jeder kennt. Aber es sind Wertungen. Gleichzeitig sagen wir: Ich nehme alle Menschen so an, wie sie sind. Doch tun wir das wirklich, wenn wir unser Umfeld filtern und sagen: Du passt, du nicht?

Ich sage nicht, dass man sich mit allem und jedem umgeben muss und ich sage auch nicht, dass man seine Grenzen aufgeben soll. Aber ich stelle mir die Frage: Ab wann ist es Schutz und ab wann ist es ein Podest? Ab wann wird aus Selbstachtung eine subtile Überhöhung? Ab wann wird aus Abgrenzung ein spirituelles Ego?

Wenn ich sage, ich kann nur unter bestimmten Umständen glücklich sein oder nur mit bestimmten Menschen und nur an bestimmten Orten, dann knüpfe ich mein Wohlbefinden an Bedingungen im Außen. Doch das ist nicht bedingungslos und auch keine absolute Freiheit. Wenn ich sage, ich kann nur noch mit Gleichgesinnten, spirituellen Menschen, „high vibe“-Menschen in Kontakt sein, stelle ich mich dann auf ein Podest oder schütze ich mich einfach?

Diese Grenze verschwimmt und hat für mich einen faden Beigeschmack. Denn das spirituelle Ego ist trickreich und tarnt sich. Hinter dem spirituellen Selbst steckt oft ein Mensch, der viel durchgemacht hat und der Spiritualität genutzt hat, um Wunden zu heilen oder zu kompensieren.

Deshalb frage ich mich: Warum nehme ich mir das Recht heraus, mich über andere zu stellen?
Woher weiß ich, was sie gerade durchmachen? Woher weiß ich, dass ihre Energie „nicht passt“ und es nicht einfach gerade schwer für sie ist? Vielleicht tragen sie gerade Themen, an denen andere zerbrechen würden.

Das spirituelle Ego und seine Tricksereien

An dieser Stelle kommt für mich dieser Begriff ins Spiel: spiritueller Narzissmus. Wenn es nur noch um mein Wohl geht und ich Menschen nur dann in mein Feld lasse, wenn sie mir nicht wehtun, mich nicht triggern und mich nicht fordern. Das ist verständlich und bis zu einem gewissen Punkt auch gesund. Aber wenn ich dort stehen bleibe, sehe ich ein ego-gesteuertes Verhalten. Kein niedriges Ego, eher ein verfeinertes mit spiritueller Verkleidung. Mit Sätzen wie: Ich bin in meiner Kraft. Ich lasse mir nichts mehr rauben.

Das menschliche Ego entsteht durch Identifikation mit Gedanken, Überzeugungen, Werten, Rollen, dem eigenen Beruf oder dem Bild, das man von sich selbst aufgebaut hat. Über Jahre hinweg sammelt der Verstand Annahmen darüber, wer man ist und wie die Welt funktioniert. Sobald jemand diese Weltanschauung infrage stellt, fühlt man sich angegriffen und verteidigt diese Identifikation.

Der Verstand erschafft dabei die Illusion, dass man das ist, was man glaubt zu sein. Genau hier setzt auch das spirituelle Ego an, nur auf einer anderen Ebene. Und das ist etwas, das ich auch bei mir selbst immer wieder beobachten darf, denn niemand ist davon befreit. Gerade dann, wenn man spirituell arbeitet, sich mit Bewusstsein, Heilung und innerer Entwicklung beschäftigt, kann dieses Ego sehr subtil wirken.

Auf der einen Seite gibt es Menschen, die sich mit ihrer inneren Welt beschäftigen, Verantwortung für sich übernehmen, sich nicht mehr nur von äußeren Reizen leiten lassen und versuchen, das zu beeinflussen, was in ihrem eigenen Wirkungskreis liegt. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die stark in Angst verhaftet sind, viel Verantwortung abgeben und sich vollständig von äußeren Umständen, Meinungen oder Medien leiten lassen. Wir sitzen zwar alle im gleichen Boot, aber jeder geht seinen eigenen Weg, in seinem eigenen Tempo.

Problematisch wird es dann, wenn man beginnt, sich innerlich über andere zu stellen, die einen anderen Weg gehen. Gerade wenn unterschiedliche Bewusstseinsstände aufeinandertreffen, besteht die Gefahr, in eine subtile Überheblichkeit zu rutschen. Gedanken wie: „Du kannst das gar nicht verstehen, weil dir das Bewusstsein dafür fehlt“ mögen aus einer Beobachtung heraus entstehen, doch in dem Moment, in dem man diese Wertung einnimmt, ist man selbst wieder im Ego. Genau das ist der Punkt, an dem das spirituelle Ego aktiv wird.

Denn was unterscheidet dich dann noch von jemandem, der stark aus dem Verstand heraus lebt und andere bewertet? Eigentlich nichts. Man wollte doch genau diese Urteile, dieses Einteilen in richtig und falsch, dieses mentale Überlegen-Sein hinter sich lassen. Neutralität, innere Mitte und Klarheit waren das Ziel, nicht eine neue Identifikation als „bewusster“ oder „spiritueller“ als andere.

Wenn unterschiedliches Bewusstsein aufeinander trifft

An dieser Stelle möchte ich den Begriff der kognitiven Dissonanz einbringen. Für mich zeigt sich kognitive Dissonanz vor allem dort, wo unterschiedliche Bewusstseinszustände und Wissensstände aufeinandertreffen. Wir gehen unbewusst davon aus, dass unser Gegenüber die Welt ähnlich wahrnimmt wie wir. Dass bestimmte Zusammenhänge logisch sind und all die Erfahrungen, die für uns selbstverständlich geworden sind, auch für andere greifbar sein müssten.

Doch das ist oft nicht der Fall. Manche Themen sind für uns klar, weil wir sie erlebt haben und weil wir durch Prozesse, Krisen, Erkenntnisse und innere Umbrüche gegangen sind. Für jemand anderen sind genau diese Themen zu abstrakt, zu theoretisch oder schlicht nicht nachvollziehbar, weil ihr die Erfahrung fehlt, um dieses Wissen zu verkörpern.

Kognitive Dissonanz entsteht dann in dem Moment, in dem wir erwarten, verstanden zu werden und es nicht werden. Wenn unser Standpunkt nicht gespiegelt wird und nicht gefühlt werden kann. Das fühlt sich schnell wie Ablehnung oder Ignoranz an. Hier entsteht die Gefahr, daraus ein inneres „Ich hab’s verstanden – du nicht“ zu machen. Genau das ist das spirituelle Ego.

Also beginnen wir uns zu erklären, zu rechtfertigen und zu argumentieren, damit wir uns nicht länger missverstanden fühlen. Und je mehr wir erklären, desto größer wird manchmal der Abstand. Gedanken wie: Die Person ist noch nicht so weit oder Die checkt das einfach nicht schleichen sich ein.

Weitere Gedanken zu diesem Thema findest du in meinem Video.

Raus aus der Ego-Falle

Dabei übersehen wir, dass wir gerade zwei völlig unterschiedliche innere Landkarten vergleichen. Was für den einen logisch ist, weil es gefühlt wurde, ist für den anderen nicht greifbar, weil es nie durchlebt wurde – und umgekehrt. Konflikte entstehen also nicht unbedingt, weil jemand „falsch“ liegt, sondern weil unterschiedliche Erfahrungsräume aufeinandertreffen und weil wir oft unbewusst voraussetzen, dass unser Gegenüber dort stehen müsste, wo wir gerade stehen.

Vielleicht liegt die eigentliche Einladung also darin, genau das zu erkennen: Dass Verstehen nicht eingefordert werden kann und manche Erkenntnisse nicht erklärt, sondern nur erlebt werden können. Oder dass Missverständnisse weniger über den anderen aussagen, als über unsere eigene Erwartung, verstanden werden zu wollen.

Auch ich muss lernen, jeden Menschen wirklich dort zu lassen, wo er ist und jeden möglichst neutral zu begegnen. Und nicht abzuwerten, nur weil sie einen anderen Weg gehen. Jeder ist auf seinem eigenen Pfad und ich war selbst einmal am Anfang. Doch gleichzeitig heißt das nicht, dass ich mir alles gefallen lasse und meine Grenzen aufgebe.

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